 









 |
| Glossen |
| Dieser Artikel ist aus dem Angebot von SPIEGEL ONLINE Viel Spass... |
------------------------------------------------------------
Big Brother: Der wo President werden soll
------------------------------------------------------------
Deutschland hat einen neuen Trash-Helden: Zlatko "The Brain" aus dem
Big-Brother-Haus.
Damit eine Menschenmenge in dem Gefühl baden kann, sie wohne einem echten Ereignis bei,
müssen ihr drei Dinge geboten werden: ein veritabler Stau bei der Anreise, mobile
Würstchenbuden vor Ort sowie eine stets zu kleine Anzahl von Dixi-Toiletten.
Neuerdings kommt als vierter Ereignis-Indikator hinzu, dass die Mobilfunknetze unter der
schieren Menge der Handys zusammenbrechen.
So gesehen war es ein gelungener Abend am vergangenen Sonntag vor dem Big-Brother-Haus in
Köln-Hürth. Rund 5000 Menschen, kaum einer älter als 25, waren gekommen, um einen
schwäbisch-mazedonischen Industriemechaniker zu feiern, der es binnen fünf Wochen vom
einfachen dummen August zum Deppen mit Kultstatus gebracht hat: Zlatko, genannt "The
Brain".
Wie derzeit kein anderer steht Zlatko für die Verfeldbuschung der Welt, für den mehr
oder weniger ironischen Spaß am schlichten Gemüt. Zlatko kämpft mit Grammatik und
Aussprache ("Isch grüße alle, die wo mich kenne"), schneidet sich die
Brusthaare mit der Papierschere (drei Stichwunden) und kennt sogar das Video von
Shakespeares "Romeo und Julia" ("Deppengeschwätz"). Kurz: ein
Trash-Held in Jogginghosen, ein sprechender Maschendrahtzaun.
Zlatko, 24, war bis letzten Sonntag Teilnehmer der RTL-2-Show "Big
Brother", bei der zehn Kandidaten in einem Containerhaus eingeschlossen und von 28
Fernsehkameras beobachtet werden. Alle zwei Wochen muss einer das Haus verlassen die
Bewohner schlagen je zwei Mitspieler vor, das Fernsehpublikum darf zwischen den beiden
abstimmen.
Nun ist Zlatko rausgewählt und genießt den Ruhm: Stefan Raab, Harald Schmidt,
Werbeverträge - die Spaß- Vermarktung läuft. "Zladdi"-T-Shirts gibt's im
Internet ebenso wie ein Beispiel seiner Sangeskunst: Mit mehr Selbstbewusstsein als
Stimmkraft hatte Zlatko im Haus den Schlager "Mendocino" intoniert - sein
privates Gebrumme ("Mendesino") wurde vom Hessischen Rundfunk mit einem
tröstenden Saxophon unterlegt und ins Netz gestellt. Kurz danach hat Zlatko auch
offiziell eine CD aufgenommen.
Im Grunde genommen ist "Big Brother" erzlangweilig, die spaßigsten Aktionen
finden außerhalb des Hauses statt, vorzugsweise im Internet. Auf mindestens hundert
Fanseiten werden ironische Fotostorys montiert, Zitate gesammelt, gelästert und -
eigentlich exklusive - Kamerazugänge geknackt.
Auch die Zlatko-Abschiedsparty am vergangenen Sonntag war ein Beispiel dafür, dass die
Big-Brother-Fans witziger sind als die Sendung selbst: Wer vor Ort war, konnte zwar nichts
sehen, weil der Wohncontainer dreifach durch hohe Zäune gesichert ist. Aber dafür konnte
die Menge sich über die mitgebrachten Transparente amüsieren ("Zladdi, der wo
President werden soll") oder per Sprechchor die Bewohner verunsichern.
Außerdem und das allein war schon den Anreisestau wert brauchten die Live-Zuschauer
nicht den RTL-2-Moderator Percy Hoven ertragen, der so erbarmungswürdig vor der Kamera
agiert, dass er nicht einmal zum Trash-Helden taugt. Womöglich gibt es Moderatoren, die
schlechter sind als Percy Hoven. Aber von denen ist noch keiner im Fernsehen aufgetreten.
Von den jetzt noch sieben Bewohnern des Big-Brother-Hauses hat niemand mehr das Zeug zum
Star. Neben Zlatkos bestem Freund Jürgen bleiben noch
· John und Andrea, die so langweilig sind, dass sie wahrscheinlich erst bei ihrem
Rauswurf auffallen;
· Waldorf-Schülerin Jona, lebender Beweis für die Vorzüge der staatlichen Regelschule;
· Manuela, deren Mimik gelegentlich ins Moorhuhnhafte spielt und die so forderten es
die Zlatko-Fans möglichst bald rausgeschmissen werden soll;
· sowie das Pärchen Alex und Kerstin, das es mit Gefummel unter der Bettdecke immerhin
auf Seite eins der "Bild" schaffte.
An Alex und Kerstin lässt sich prima erkennen, was RTL 2 von seinen Kandidaten wirklich
hält. Deren Intimitäten werden zwar gern gezeigt, aber für RTL-2-Verhältnisse geradezu
zurückhaltend kommentiert: "Bettgeflüster" oder "Kuscheln" nennt der
Große Bruder das Geschehen.
Wer aber auf der offiziellen Big-Brother-Internetseite das Suchwort "Kerstin"
eingibt, stößt auf eine Seite, deren Titel wohl nicht für die Öffentlichkeit gedacht
war. Dort heißt die Kuschelei ganz prosaisch: "Kerstin-Alex-Poppen".
ANSBERT
KNEIP
------------------------------------------------------------
(C) DER SPIEGEL 16/2000
Den Artikel erreichen Sie im Internet unter der URL
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,72778,00.html
|
|
|
|